Das passiert, wenn sich ein Lehrer und ein Schüler zusammensetzen…

Tom bringt Lehrer und Schüler an einen Tisch.

Politiker debattieren über Gleitzeit an den Schulen. Experten diskutieren über den Umgang mit verhaltensauffälligen Schülern. Doch die Betroffenen werden nicht gefragt. Schluss damit!

Sabine Zink, Mathelehrerin einer Realschule in der Region Stuttgart, und Marco Peters, Schüler einer 10. Klasse, sind bereit über den Ort zu reden, an dem Fluch und Segen nah beieinander liegen (Namen von der Redaktion geändert). Die zwei, die ungefähr 30 Stunden in der Woche im Klassenzimmer verbringen, stellen sich den Fragen der Geislinger Jugendredaktion Blickwinkel:

Hallo zusammen! Vor Kurzem hatten du, Marco, und Sie, Frau Zink, zwei Wochen Pfingstferien. Wurden die Schulaufgaben vernachlässigt?

Marco Peters: Wenn ich ehrlich bin, ja. Eigentlich musste ich für eine Deutschinterpretation lernen und eine Hausarbeit schreiben, aber ich schieb’ es schon die ganze Zeit vor mir her. Ein Klassenkamerad sagt mir immer, nachts vor dem gewissen Schultag ist auch noch Zeit.

Sabine Zink: Bei mir sieht das etwas anders aus. Ich musste die aktuellen Abschlussprüfungen korrigieren, meine Unterrichtszeiten planen und Arbeitsblätter vorbereiten. Von Ferien kann gar nicht die Rede sein.

Marco (zu Frau Zink): Meine Lehrer beschweren sich auch immer, in den Ferien so viele Klassenarbeiten korrigieren zu müssen. Unterm Strich haben sie die Arbeiten nach den Ferien aber dann doch nicht vollständig korrigiert.

Sabine Zink: Es ist auch nicht nur eine Klassenarbeit, die ich korrigieren muss, sondern manchmal um die 150 Stück. Wenn ich schnell arbeite, benötigt jede einzelne Klausur ungefähr eine Stunde, bis die Note eingetragen ist. Umgerechnet sind das dann etwa sechseinhalb Tage am Stück, die ich arbeiten muss, um alle zu korrigieren.

Frau Zink, es ist gesetzlich geregelt, dass Lehrer maximal drei Wochen Zeit zum Korrigieren von Klassenarbeiten haben. Halten Sie diese Frist immer ein?

Sabine Zink: Ja, fast immer. Es kam aber auch schon vor, dass ich nach drei Wochen noch nicht einmal angefangen habe. Dies geschieht meist im Prüfungszeitraum – da bleibt fast keine Zeit für die ,normalen’ Klassenarbeiten.

Frau Zink, was sind die häufigsten Gesprächsthemen im Lehrerzimmer?

Sabine Zink: Im Lehrerzimmer ist meist Hektik, und es bleibt bei einem Smalltalk über Wetter, Unterrichtsmaterial und Schüler.

Schüler?

Sabine Zink: Ja natürlich, wie das die Schüler auf dem Pausenhof auch machen. Wenn eine Kollegin und ich eine gleiche Klasse haben, teilen wir uns meist mit, wer gut und nicht so gut ist oder was in der Klasse auffällt.

Marco, Politiker streiten sich schon lange über einen späteren Unterrichtsbeginn. Was sagst du dazu?

Marco: Mich stört, dass wir Schüler nicht gefragt werden, denn wir sind ja die, um die es bei dem Gesetzesentwurf geht. Ich würde einen späteren Unterrichtsbeginn anstreben, weil in den ersten Stunden alle Schüler im Halbschlaf sind.

Sabine Zink: (lacht laut) Ich kann ihm da nur zustimmen. Morgens im Lehrerzimmer ist die Schlange vor dem Kaffeeautomaten immer am längsten.

Was war das Verrückteste, was an der Schule passiert ist?

Marco: Ich hatte mal einen Lehrer, der das ganze Jahr über Michael anstatt Marco zu mir gesagt hat. Er konnte sich meinen Namen einfach nicht merken.

Sabine Zink: Bei mir war es eindeutig der Aprilscherz der Prüfungsklassen, bei dem ich in einem aufblasbaren Swimmingpool mit einem Kollegen baden musste. Das war peinlich.

Marco, geben deiner Meinung nach Lehrer ihre mündlichen Noten eher subjektiv oder objektiv?

Marco: (überlegt) Das ist unterschiedlich. Aber ich kenne Lehrer, bei denen die Mädchen bessere Noten bekommen.

Sabine Zink: Das stimmt nicht! Ich muss dazu sagen, dass die Mädchen durchschnittlich einfach ruhiger und sorgfältiger als die Jungs sind. Außerdem beteiligen sie sich mehr am Unterricht.

Marco: Das ist ein Vorurteil! Auf Jungs wird von Anfang an mit dem Finger gezeigt. Ich habe das schon selber erlebt. In Biologie hatten wir eine Lehrerin, bei der die schlechteste mündliche Note der Mädchen eine 2,4 war und die beste der Jungs eine 2,6.

Sabine Zink: (schüttelt den Kopf) Trotzdem kann ich nicht zustimmen, dass Jungen benachteiligt werden. Es gibt auch Klassen, in denen Mädchen viel lauter sind.

Marco: Das ist eine typische Lehrerantwort. Geben Sie doch einfach mal zu, dass Sie subjektiv mündliche Noten geben. Das ist doch klar, jeder vergibt subjektive Bewertungen.

Sabine Zink: Die subjektive Wahrnehmung stimmt aber meist mit dem Verhalten der Schüler im Unterricht überein. Wenn ich in aktuelle Klassen von mir schaue, weiß ich nicht, wer den Abschluss überhaupt schafft. Vielen Schülern fehlt es an Respekt gegenüber dem Lehrer.

Marco: (unterbricht) Und umgekehrt auch! Zu mir hat mein Geschichtslehrer mal gesagt, dass er, wenn er in meine Augen schaut, die Gehirnrückwand sieht. Ist das respektvoll?

Sabine Zink: Ich höre auch oft ,Halt’s Maul’ oder irgendwelche anderen Ausdrücke in meine Richtung. Ist das respektvoll?

Veröffentlicht in der Geislinger Zeitung | Südwest Presse am 06.06.2016.

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