Lieber Flüchtling

Tomadrian über die Flüchtlingsdebatte und seinen neuen Kumpel aus Syrien.

Ich sah dich. Du sahst mich. Du hast mich angelächelt. Ich sagte: „Hello, how are you?“ Du sagtest: „Good. And you?“. Es war im Flüchtlingscafé in Esslingen-Zell. 14 Tage zuvor warst du noch in Syrien. Du warst auf der Universität. Bibliothekswesen und Informatik hast du studiert. Dann musstest du gehen. Alles verlassen. Du hattest sicherlich Angst. Vor dem Meer. Vor den schrecklichen Geschichten der Anschläge. Vor der Kultur. Vor allem. Du hast es trotzdem gemacht. Du hattest keine Wahl. Deutschland kanntest du nur von der Landkarte. Jetzt bist du hier.

Du sagst mir, dass es dir gut gehe. Du lügst.

Du weißt nicht, wo du im August sein wirst. Geschweige denn im nächsten Jahr. Du weißt gar nicht, wie es weitergehen wird. Du sagst mir, dass es dir gut gehe. Du lügst. Im Flüchtlingscamp gebe es Streit, Kämpfe, Lärm, sagst du. Schlafen sei unmöglich. Dein Freund, den du als Kind in deiner Heimat kennengelernt hast, kam mit dir. Er gibt dir Kraft. Er ist dir vertraut. Die Helfer im Camp seien überfordert. Sie helfen dir nicht. Sie versuchen nicht einmal, dich zu verstehen. Sie erklären dir nichts. Ich erkläre dir, wie man am Fahrkartenschalter ein Ticket löst. Du wolltest unbedingt nicht schwarzfahren. Du wolltest dich anpassen. Du wolltest dich integrieren. Ich erkläre dir das Verb „sein“. Seitdem sagst du „Ich bin 20 Jahre alt“ statt „Ich sein 20 Jahre“. Du hast mir Hallo und Tschüss auf Arabisch beigebracht. Ich mag deine Sprache. Die Schrift sieht so fantasievoll aus. Ich musste gehen.

Du weißt sicher über die Anschläge Bescheid. Du sagst nichts dazu.

Wir schrieben auf WhatsApp. Wir trafen uns wieder. Du hast mich gefragt, was auf der Titelseite dieser Zeitung da steht. „Flüchtling vergewaltigte 14- Jährige!“, lese ich. Ich erschrecke. Bin verwirrt. Ich antworte „Flüchtlinge brauchen Hilfe“. Mir fiel so schnell nichts anderes ein. „Ja, das stimmt“, sagst du. Ich glaube, du wusstest, was da wirklich stand. Du erkanntest es sicherlich am roten Schriftzug. Am Bild, auf dem ein Polizist abgebildet war. Du weißt sicherlich über die Anschläge Bescheid. Du sagst nichts dazu. Ich sage etwas dazu. Mich widert das schlechte Gerede über Flüchtlinge an. Ich werde auch Flüchtling, wenn das so weitergeht. Es ist unbeschreiblich, wie den Flüchtlingen die Chancen kaputt macht. Die Chancen auf das Studium meines neuen Kumpels stehen schlecht. Glaube ich. Wir müssen das ändern. Jetzt, nicht morgen. Einmal sagtest du zu mir: „You are a wonderful people.“ Ich antwortete: „No, I just want to say welcome to you in Germany.“

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